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Eingliederungsmaßnahmen und Vermittlungsgutschein


Hartz I-III: Gemischte Bilanz der neuen Arbeitsvermittlung

Studie: Gute Noten für Arbeitsagenturen, private Vermittlung wenig erfolgreich

Berlin, 8.01.2007 - Die Evaluation der Hartz-Reformen I-III liefert ein gemischtes Bild. In den seit 2003 neu aufgebauten Kundenzentren hat sich der Service für Arbeitslose und Arbeitgeber deutlich verbessert. Zu wenig wird jedoch für Arbeitssuchende mit den größten Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt (Betreuungskunden) getan. Die neuen Instrumente der Arbeitsvermittlung unter Einschaltung Dritter haben sich dagegen bis auf den Vermittlungsgutschein in der Praxis nicht bewährt. Nur beim Vermittlungsgutschein gelang es privaten Anbietern besser als den Arbeitsagenturen, Arbeitssuchende in Jobs zu bringen. Die Teilnehmer der anderen Instrumente - Beauftragung privater Dienstleister mit der Vermittlung, Personal-Service-Agenturen (PSA), Beauftragung von Trägern mit Eingliederungsmaßnahmen - hatten sogar eine geringere Wahrscheinlichkeit, in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert zu werden als andere Arbeitslose. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie "Neuausrichtung der Vermittlungsprozesse", die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) vorgelegt haben. Die Studie empfiehlt die Abschaffung der PSA und schlägt für die anderen Instrumente Nachbesserungen vor.

Die Studie ist Teil der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Evaluation der Hartz I-III-Gesetze. Die Evaluationsstudie basiert auf schriftlichen Befragungen von Führungskräften aus allen Arbeitsagenturen, ausführlichen Prozessfallstudien in zehn Arbeitsagenturen und einer repräsentativen Befragung von Teilnehmern und einer Kontrollgruppe von Nicht-Teilnehmern an den vier Instrumenten (insgesamt rund 5000 Arbeitslose). Die Untersuchungen wurden jeweils in zwei Wellen im Frühjahr 2005 und 2006 durchgeführt.


Kundenzentrum verbessert Service

Das Kundenzentrum, das neue Organisationsmodell der Arbeitsagenturen, ist eines der Kernstücke der Reform der Bundesagentur für Arbeit. Die Arbeitsabläufe und der verbesserte Betreuungsschlüssel haben die Betreuung von Arbeitslosen und Arbeitsgebern in den Kundenzentren deutlich verbessert. Zu wenig und zu spät werden allerdings die "Betreuungskunden" - rund 30 Prozent der Arbeitslosen mit den größten Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt - gefördert. Viele werden bis zum Ende der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I "geparkt". Eine gezielte Förderung setzt oft erst mit Bezug des Arbeitslosengeldes II ein. Das bedeutet im Extremfall ein Jahr (eineinhalb Jahre bei Älteren) Lohnersatz, aber keine zielgerichtete Intervention. Diese institutionelle Schwachstelle ist der entscheidende Kritikpunkt, dem sich der Gesetzgeber stellen müsste, heißt es in der Studie.
"Fordern" und "Fördern" sollten in eine neue Balance gebracht worden. Das Ziel eines vereinfachten und flexibler einsetzbaren Sanktionsinstrumentariums ist kaum erreicht worden. Maßnahmen wie verstärkte Nachweise von Eigenbemühungen und erhöhte Kontaktdichte haben vor allem die Lasten des Arbeitssuchenen erhöht, die aktive Förderung kam dagegen immer weniger Menschen zugute.


Vermittlungsgutschein wirksam - aber mit Qualitätsdefiziten

Dem Vermittlungsgutschein attestiert die Studie positive Wirkungen. Diese sind allerdings ausschließlich auf die Ergebnisse für ausgegebene Gutscheine im Jahre 2005, also nach der Neuordnung des Instruments, zurückzuführen. Gutscheinbesitzer des Jahres 2005 haben im Vergleich zu der Kontrollgruppe deutlich häufiger (31 vs. 23 Prozent) binnen vier Monaten wieder eine Beschäftigung gefunden. Allerdings wurden die Beschäftigungsverhältnisse, die durch das Einlösen eines Vermittlungsgutscheins zustande kamen vor allem in Ostdeutschland schneller wieder aufgelöst. Dies weist auf Mitnahmeeffekte durch die Arbeitgeber und die privaten Personaldienstleister hin. Die Studie empfiehlt, den Vermittlungsgutschein beizubehalten und weiter zu entwickeln. Informations- und Qualitätsdefizite müssten jedoch behoben werden.


Private Anbieter nicht erfolgreicher

Private Anbieter vermitteln nicht besser als die öffentlichen Arbeitsagenturen. Arbeitslose fanden über diese weder schneller noch öfter einen Job. Die durch private Dienstleister in Arbeit gebrachten Beschäftigten wurden zudem durchschnittlich vier Monate früher wieder arbeitslos als die Personen der Kontrollgruppe. Die Beauftragung Dritter mit der Gesamtvermittlung sollte daher nicht als Alternative, sondern allenfalls als Ergänzung zu den Vermittlungsaktivitäten der Agenturen eingesetzt werden, etwa bei Kapazitätsengpässen, folgert die Studie.


Eingliederungsmaßnahmen - nur für bestimmte Zielgruppen sinnvoll

Als reines Vermittlungsinstrument sind die Eingliederungsmaßnahmen ebenfalls wenig erfolgreich. Im Vergleich mit der Kontrollgruppe wurden weniger Personen in Beschäftigung vermittelt. Im Vergleich zur Vermittlung durch Dritte, zu PSA oder dem Vermittlungsgutschein war die Beschäftigung im Anschluss an eine Eingliederungsmaßnahme jedoch deutlich stabiler. Erfolgreich waren die Eingliederungsmaßnahmen beim Abbau von Vermittlungshemmnissen insbesondere von männlichen Jugendlichen. Als Förderinstrument für bestimmte Personengruppen hätten die Eingliederungs-maßnahmen daher durchaus Potenzial, lautet das Fazit der Studie.


Personal-Service-Agenturen (PSA) weder effizient noch effektiv

PSA-Beschäftigte hatten in den Jahren 2003/2004 eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, wieder in eine reguläre Beschäftigung eingegliedert zu werden. Die Kontrollgruppe von Nichtteilnehmern war im Durchschnitt einen Monat früher in regulärer Beschäftigung. Aufgrund fehlender Wirkung und hoher Kosten empfiehlt die Studie die Abschaffung der PSA als Regelinstrument.

Eine Zusammenfassung der Studien-Ergebnisse sowie eine ausführliche Fassung der Empfehlungen stehen unter: www.wzb.eu/ars/ab/hartzevaluation.de.htm

Quelle im Internet: www.wz-berlin.de



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