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Ein Jahr nach dem Erdbeben in Pakistan


UNICEF: Hilfe hat Massensterben verhindert

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Pakistan geht der Wiederaufbau nur langsam voran / Lage vor dem Winter weiterhin schwierig

05.10.06 - Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan am 8.10.2005 zieht UNICEF eine positive Bilanz der Nothilfe und appelliert an die internationale Gemeinschaft, den Wiederaufbau in der Kaschmirregion weiter zu unterstützen. Der internationale Hilfseinsatz im vergangenen Winter in Pakistan hat nach Einschätzung von UNICEF ein Massensterben unter den 3,3 Millionen Obdachslosen in der schwer zugänglichen Bergregion verhindert. Trotz Kälte und der schlechten hygienischen Verhältnisse im Katastrophengebiet kam es nicht zu befürchteten Masern- oder Durchfallepidemien. Die meisten Verletzten erhielten im Laufe des Jahres medizinische Hilfe. Über 320.000 Grundschulkinder gehen heute wieder zur Schule, die meisten aber weiter in Zeltschulen.

Bild zum ArtikelGleichzeitig weist UNICEF darauf hin, dass trotz dieser Erfolge der Wiederaufbau von Schulgebäuden, Krankenstationen, Wasserwerken und Wohnhäusern in Pakistan nur langsam vorankommt. Über 1,5 Millionen Menschen haben nach wie vor nur unzureichenden Zugang zu sauberem Wasser. Viele Familien leben in notdürftig reparierten Unterkünften oder Zelten und fürchten sich vor dem kommenden harten Winter. In Notlagern halten sich noch schätzungsweise 30.000 Menschen auf. Die Vereinten Nationen stellen sich darauf ein, dass im heraufziehenden Winter weitere 30.000 Menschen aus höher gelegenen Ortschaften in den Tälern Zuflucht suchen werden.

Die größten Herausforderungen für den Wiederaufbau liegen in dem enormen Ausmaß der Zerstörungen durch das Beben vom 8. Oktober 2005, bei dem mehr als 70.000 Menschen ihr Leben verloren, darunter 18.000 Kinder, und 400.000 bis 600.000 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt wurden. Erschwert wird die Arbeit durch die Unzugänglichkeit vieler Ortschaften und weil noch immer viele Straßen durch Erdrutsche und Schutt versperrt sind, so das Baumaterial nur mühselig transportiert werden kann. Hinzu kommen extreme Witterungsbedingungen. Auch sind Entscheidungen der Behörden, ob eine Ortschaft an der gleichen Stelle wieder aufgebaut werden soll, langwierig.

UNICEF führt nach der akuten Nothilfephase ein großes Wiederaufbauprogramm in der Kaschmirregion durch. Zusammen mit internationalen und lokalen Partnern werden Schulen, Gesundheitsstationen und Wasserwerke gebaut oder repariert und Personal ausgebildet. UNICEF unterstützt auch die medizinische und psychologische Versorgung von Kindern, die durch die Katastrophe dauerhafte Behinderungen davon getragen haben. Bei der UNICEF-Aktion "Bringt die Kinder durch den Winter" hatten im vergangenen Winter Bundesbürger fast 21 Millionen Euro für die Kinder im pakistanischen Erdbebengebiet gespendet.

Wasserversorgung

Fast die komplette Wasserversorgung in Städten und Dörfern wurde durch das Beben zerstört. Gemeinsam mit den lokalen Behörden reparierte UNICEF die Wasserwerke und Leitungssysteme für 400.000 Menschen in den Städten Muzafferabad, Bagh, Mansehra, Battagram und Garhi Habibullah. In 115 abgelegenen Dörfern wurde die Wasserversorgung für weitere 175.000 Menschen wieder hergerichtet. Insgesamt wurden 35.000 Latrinen gebaut. UNICEF versorgt die verbliebenen Bewohner der Notaufnahmelager mit Wasser und sanitären Einrichtungen und hilft bei der Reparatur von Leitungssystemen in den Dörfern. Alle Schulen sollen Wasseranschlüsse bekommen.

Gesundheit

Von 798 Gesundheitsstationen in acht Distrikten wurden 388 völlig zerstört und 197 beschädigt; fünf große Distriktkrankenhäuser wurden dem Erdboden gleich gemacht. UNICEF stellte im Laufe des Jahres Basismedikamente für 1,5 Millionen Menschen zur Verfügung, impfte 1,1 Millionen Kinder und finanzierte zusammen mit Partnern den Wiederaufbau von 30 Gesundheitseinrichtungen; weitere 55 feste Einrichtungen sind geplant. 123 medizinische Einrichtungen erhielten Medikamente und technisches Gerät.

Bildung

Die Naturkatastrophe traf sehr viele Kinder während sie in der Schule waren. Über 7.600 Schulgebäude fielen in sich zusammen und begruben tausende Kinder und Lehrer unter sich. Bereits zwei Wochen nach dem Beben begann UNICEF, Notunterricht in Zelten für die überlebenden Kinder zu organisieren. Heute sind 2.456 Zelt-Schulen in Betrieb. UNICEF stellte auch Lern- und Arbeitsutensilien bereit und organisierte Fortbildungskurse für 20.000 Grundschullehrer. Gemeinsam mit Partnern sollen in den kommenden Jahren 500 erdbebensichere Grundschulen gebaut werden.

Kinderschutz

Die Naturkatastrophe machte 1.700 Kinder zu Vollwaisen. Schätzungsweise 17.000 Kinder verloren ihren Vater und 21.000 ihre Mutter. In den Monaten nach dem Erdbeben unterstützte UNICEF die Registrierung der Kinder und half bei der Suche nach Angehörigen. Behinderte und schwer verletzte Kinder wurden an spezielle Einrichtungen weiter vermittelt. In den Notaufnahmelagern organisierte UNICEF spezielle Spielzonen für Kinder. In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entstand mit Unterstützung von UNICEF ein Rehabilitationszentrum für Querschnittgelähmte mit 100 Plätzen.

Mit den Augen der Kinder

UNICEF hat auch Kinder und Jugendliche im Erdbebengebiet ermuntert, ihre Erfahrungen zu dokumentieren. Heute eröffnet am Sitz der Vereinten Nationen in New York eine Fotoausstellung mit Bildern von 160 Kindern aus allen Teilen Kaschmirs, die ihr Leben nach der Katastrophe mit Digitalkameras festgehalten haben. Die Auswahl der Bilder aus dem Fotoprojekt wurde von internationalen Fotoexperten vorgenommen. Die Ausstellung wurde bereits in Islamabad, Rom und London gezeigt. Fotostrecke unter www.unicef.de/3909.html

Quelle im Internet und weitere Informationen unter: www.unicef.de
 

------- Eine weitere Mitteilung zur Lage in Pakistan -------
 

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Kaschmir/ Pakistan

Skandalös: Ein Jahr nach dem Erdbeben ist die Not immer noch groß

MISEREOR: Staatliche Hilfe kommt nicht bei den Menschen an

Genau ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Kaschmir/Pakistan ist die Situation der Menschen in den betroffenen Gebieten weiterhin dramatisch. "Die überwiegende Mehrheit der Erdbebenopfer lebt noch immer in provisorischen Übergangsbehausungen oder sogar Zelten", berichtet MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon, der gerade von einer Reise nach Afghanistan und der Erdbebenregion in Pakistan zurückgekehrt ist. "Ein Jahr nach der Katastrophe stehen viele Menschen wieder vor dem Problem, ohne feste Häuser dem Winter entgegen gehen zu müssen. Für die Kinder fehlen dringend feste Schulgebäude, in Zelten kann im Winter nicht unterricht werden. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen, aus ihrem Schockzustand erwacht, sich jetzt um so mehr bewusst sind, wie schlimm ihre Lage immer noch ist", so Bröckelmann-Simon.

Über sechs Milliarden Euro hatte die pakistanische Regierung für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Gebiete von der internationalen Gemeinschaft erhalten. Die eigens eingerichtete Wiederaufbaubehörde ERRA (Earthquake Rehabilitation and Reconstruction Authority) hat jedoch bisher offenbar kaum den Bau von festen, erdbebenresistenten Häusern voran getrieben. "Zwar hat ERRA erreicht, dass 80 Prozent der betroffenen Bevölkerung registriert wurde, von einem organisierten Wiederaufbau ist allerdings kaum etwas zu erkennen", erklärt Bröckelmann-Simon.

Die einzigen Häuser, die zum jetzigen Zeitpunkt in der besuchten Region zu sehen waren, wurden mit der Unterstützung von nationalen und internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO) gebaut. Die MISEREOR-Partnerorganisationen berichten übereinstimmend, dass die Menschen tief enttäuscht von den Regierungshilfen sind und sich nicht länger auf die Versprechungen der ERRA verlassen wollen. "Die betroffene Zivilgesellschaft sucht jetzt noch stärker die Zusammenarbeit mit den NROs anstatt weiter auf die Hilfen der ERRA zu warten. Auch MISEREOR wird seine Hilfe auf Grund der dramatischen Situation erweitern. Wir werden helfen, möglichst viele Häuser und Schulen wie möglich vor dem Winter zu bauen", erläutert Bröckelmann-Simon die MISEREOR-Projektarbeit im pakistanischen Erdbebengebiet. "Es ist allerdings skandalös, dass von der internationalen staatlichen Hilfe so wenig bei den Menschen ankommt. Wir fordern die Bundesregierung auf, diesen Dingen nachzugehen und auf die pakistanische Seite Einfluss zu nehmen, dass effizienter und armenorientierter gehandelt und der Zivilgesellschaft mehr Beteiligung eingeräumt wird."

Quelle im Internet und weitere Informationen unter: www.misereor.de


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Weitere Themen: 200, 01, 02, 03, 04, 05, 06, 07

Sie haben eine Frage zum Thema "Erdbeben in Pakistan" oder Sie möchten wissen, was ist oder was bedeutet das Wort Kaschmir, was das Wort Rehabilitationszentrum oder Zivilgesellschaft? Einige Antworten auf häufig gestellte Fragen finden Sie unter dem Stichpunkt Glossar und einige weiterführende Erläuterungen unter Brennpunkte I und II.

Kaschmir: Als Kaschmir wird ein ehemaliger, im Himalaya gelegener Fürstenstaat bezeichnet, auf dem Indien und Pakistan gleichermaßen Anspruch erheben. Diese beiderseitigen Ansprüche führten in der Grenzregion Kaschmir in den Jahren 1948 bis 1971 wiederholt zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und Indien. Zu einer Entspannung der Lage kam es bis zum Jahr 2006 nicht.