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Herausforderungen und Ziele der Musikarchäologie


Musikarchäologie und Musikethnologie

Ethnologisches Museum Berlin
Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Bild zum Artikel20.09.2006 - Prämisse der Musikethnologie ist es, Musik als kulturelles und soziales Phänomen zu erfassen, daher muss sie in dem sozialen Kontext, in dem sie geschaffen, aufgeführt oder assimiliert wird, untersucht werden. Das entscheidende Kriterium der Musikethnologie ist die Methode. Ausschlaggebend ist wie und unter welcher Perspektive untersucht wird. Im kulturwissenschaftlichen Rahmen lässt sich Musik nur vor Ort in direktem Kontakt mit den jeweiligen Kulturträgern untersuchen.

Damit unterscheidet sich die Musikethnologie in ihrer Methode grundlegend von der Musikarchäologie. Ausgangspunkt der Musikethnologie ist die lebende, dynamisch agierende Musikkultur. Es sollte aber ebenso klar sein, dass sich eine lebendige Kultur immer auch über ihre Geschichte definiert und genau hier ist unserer Meinung nach die Gemeinsamkeit vorhanden, die beide Disziplinen verbindet. Für die Musikethnologie sind in historischer Perspektive vier Hauptbereiche ausschlaggebend:

1. Historische schriftliche Quellen, seien es Notationen, Musikerbiographien, theoretische Texte über Musik, Anleitung zum Bau oder Spiel von Musikinstrumenten u.ä.

2. Ikonographie, d.h. bildliche Darstellungen der Musikausübung

3. Historische Musikinstrumente als Grundlage zur Erforschung von Spieltechnik,
Klangidealen, Repertoire-Strukturen und schließlich Bautechniken

4. Historische Aufnahmen der letzten hundert Jahre - hiermit haben wir nebenbei bemerkt vier Generationen von Musikern klanglich dokumentiert

Die Musikethnologie ist so in der Lage, Musikkulturen auch in ihrer klanglichen Dimension über wenigstens 100 Jahre zu beschreiben und in ihrer kulturellen Dynamik zu begreifen. So ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, dass Musikkulturen, die man bisher als traditionell und damit als relativ statisch verstand, trotz solcher Elemente wie oraler Tradition und ritueller Bindung, als im höchsten Masse wandelbar erwiesen.

Bringt man an dieser Stelle Musikethnologie und Musikarchäologie zusammen, so darf auf keinen Fall der Trugschluss entstehen, man könne über die Erforschung fälschlicherweise so genannter primitiver Kulturen klangliche Phänomene vergangener Epochen rekonstruieren. Dies ist genauso wenig zulässig wie die oft strapazierten Aussagen, solche Kulturen lebten in der Steinzeit, nur auf Grund der Tatsache, dass sie kein Metallwerkzeug benutzen.

Wir wollen in der Zusammenarbeit von Musikarchäologie und Musikethnologie keine vergangenen Musikkulturen rekonstruieren. Was wir in gemeinsamer Arbeit tun können ist ein tieferes Verständnis darüber gewinnen, welche Rolle Musik für die Lebensgestaltung von Menschen im kulturellen Zusammenhang spielt und vor allem welcher Dynamik sie unterliegt.

Die Kooperation zwischen DAI und der Abteilung Musikethnologie und Phonogramm-Archiv am Ethnologischen Museum hat unter anderem damit zu tun, dass wir hier in Berlin mit dieser Institution und seinem Gründer Erich Moritz von Hornbostel den internationalen Ausgangspunkt des Fachs haben und damit über die weltweit umfangreichste Sammlung historischer Tonträger verfügen (Unesco Memory of the World). Hinzu kommt eine Instrumentensammlung, die bezogen auf das gesamte EM ungefähr 7000 Objekte zählt, viele davon aus historischen Kontexten. Zahlreiche Fotographien und Abbildungen vervollständigen die Forschungsgrundlage für Musikethnologen. All dies sind ideale Voraussetzungen für eine Kooperation zwischen Musikarchäologie und Musikethnologie, die allerdings nicht so neu sind, wie sie hier vielleicht erscheinen. Frau Prof. Dr. Ellen Hickmann hat dies in den vergangenen Jahren schon geleistet.

Neu hier in Berlin ist aber die direkte Kooperation zwischen DAI und EM und mit dem Tagungsort Berlin die Öffnung nach außen. Nach den vorangegangenen Tagungen ist es sicher an der Zeit eine breite Öffentlichkeit partizipieren zu lassen und für die nächsten hier in Berlin geplanten Tagungen klare Ziele zu formulieren. Das heißt in den kommenden vier Jahren soll an einem Kompendium zur Musikarchäologie gearbeitet werden, das Methoden der Musikethnologie berücksichtigen wird. Parallel ist ein musikethnologisches Forschungsprojekt geplant, in das Methoden der Musikarchäologie einfließen werden. Und schließlich soll aus der Kooperation der beiden Fachrichtungen eine größere Ausstellung zur Musikarchäologie entstehen, die aus der Arbeit dieser Studiengruppe heraus entstehen soll und die Ergebnisse der letzten Jahrzehnte internationaler musikarchäologischer Arbeit zeigen wird.

Quelle im Internet und weitere Informationen unter: www.dainst.org


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Weitere Themen: 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75

Weitere Mitteilungen und Hinweise zu kulturhistorischen Ausstellungen:

» Kartographie und Kunst als bunte Klimazeugen (bis 6. Oktober 2006)
» Wissenschaft, Planung, Vertreibung (bis 27. Oktober 2006)
» Walter Benjamins Archive - Bilder, Texte und Zeichen (bis 19. November 2006)
» "Lichtschächte" in Zollerns Maschinenhalle (bis 4. März 2007)

Sie haben eine Frage zum Thema "Musikarchäologie" oder Sie möchten wissen, was ist eine Vernissage oder was bedeutet das Wort Musikethnologie? Einige Antworten auf häufig gestellte Fragen finden Sie unter dem Stichpunkt Glossar und einige weiterführende Erläuterungen unter Brennpunkte I und II.